Autor: Markus Frutig | Inoveris

Interview mit Oliver Keel, Geschäftsführer der Amplo GmbH

Die 14. Fachmesse für industrielle Instandhaltung präsentiert modernste, industrietaugliche Lösungen. Dazu trifft sich vom 17. bis 18. November 2021 die gesamte Schweizer Instandhaltungsbranche in Zürich. Die Fokusthemen «Predictive Maintenance» und «Data Management» werden u.a. um das Trendthema «Künstliche Intelligenz» (KI) und «Smart Sensors» bereichert. Im Themeninterview zeigt Oliver Keel, Geschäftsführer der Amplo GmbH auf, was bereits heute mit KI und automatisierten Lösungen möglich ist, um die Effizienz und Ausfallsicherheit massiv zu steigern.

Das Zürcher Start Up Amplo GmbH bietet eine Plattform zum Automatisieren von Serviceprozessen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI). Dabei können beispielsweise mit automatisierter Maschinendiagnose bei Ausfall oder Störung fehlerhafte Zustände – z.B. durch ein eingebundenes Tool im CRM-System – aufgespürt werden. In Sekundenschnelle wird erkannt, welche Komponenten der Maschine ersetzt werden müssen. Diese automatisierten Serviceprozesse kann jeder Serviceingenieur ohne Vorwissen in KI selber erstellen. Das ermöglicht es jedem KMU anhand vorhandener Maschinendaten selbständig das volle Potential von KI auszuschöpfen. 

Welche Lösungen oder Dienstleistungen haben sich aus Ihrer Geschäftsidee – Maschinen mit KI zu analysieren – entwickelt? Was bedeutet das für den Instandhaltungsmarkt?

Oliver Keel: Wir haben gemerkt, dass der Bedarf für Services im Bereich Künstliche Intelligenz gross ist. Aber viele Firmen haben nicht die richtigen Leute oder das nötige Knowhow dafür. Wir wollen mit unserer Smart Maintenance-Plattform den Zugang dazu erleichtern. Das heisst, KMUs in der Schweiz und weltweit können auf unserer Plattform diese Services selber bauen. Sie können Ihre bestehenden Daten von Maschinen hochladen, Künstliche Intelligenz trainieren und die Ergebnisse in ihre Kundenmanagementsysteme und Firmenprozesse, CRM- und ERP-Systeme integrieren.

Für wen ist das generell ein Thema? Welche KMU sollten sich öffnen und mit KI ihre Prozesse und Maschinen optimieren?

Dies wäre interessant für Firmen, die eher teure Systeme haben. Ich denke so an Systemkosten von 5000.- CHF aufwärts. Wenn ein System so hochpreisig ist, hat der Kunde auch eine gewisse Qualitätserwartung. Wenn man Maschinen beispielsweise nach Asien liefert, ist das schon ein grosser Aufwand, bis man vor Ort ist und das Problem beheben kann. Hier helfen uns Algorithmen, möglichst rasch aus der Ferne anhand von Maschinendaten zu erkennen, was das Problem ist oder vor allem wann ein Fehler zu erwarten ist. Diese Vorgehensweise ist heute sehr wichtig, da man auf diese Weise enorm viel Geld einsparen kann.

Das ist Predictive Maintenance, vorausschauende Wartung. Wie läuft so ein System oder so ein Programm ab?

Im ersten Schritt baut man einen digitalen Zwilling von einem System. Das heisst, das System wird digital im Computer reproduziert und anhand von Maschinen- und Sensordaten trainiert. Und dann erkennt das System einen Trend. Einfaches Beispiel aus der Praxis: Wir haben der KI die Daten gezeigt und dann konnte es sagen, wenn der Verlauf so weitergeht, wird die Maschine in drei Monaten kaputtgehen. Diesen zeitaufwendigen Arbeitsschritt lösen wir viel effizienter mit der Künstlichen Intelligenz.

Also kann man da fast von einem digitalen Personal Trainer für die Maschine sprechen?

Genau, definierte Assistenzsysteme unterstützen Unternehmen. Dann können sich die Service-Ingenieure eher darauf fokussieren, auftretende Schwachstellen im System zu identifizieren und zu lösen, statt ihre Zeit mit Systemüberwachung oder dem Anschauen von Log Files oder Sensordaten zu verschwenden.

Wenn bei einer Lebensmittel-, Pharma-Produktion usw. plötzlich ein Maschinenstillstand auftritt, kann der Schaden bis in Millionenhöhe gehen. Wie sicher sind diese Systeme?

Die Sicherheit ist uns sehr wichtig. Das war auch bei jedem Kunden ein Thema. Wir hosten das Ganze in der Cloud nach Standardnormen der höchsten Sicherheit. Wir bauen das Ganze so, dass wir garantieren können, dass die Sicherheit der Daten absolut gewährleistet ist. Unsere Modelle haben hohe Anforderungen nach modernsten Sicherheitsstandards und nur wenn wir diese erreichen, werden Kunden uns vertrauen.

Sie haben einen User Case namens Tritium. Welche konkreten Einsatzbereiche aus der Forschung zur KI haben Sie in diesem Fall eingesetzt?

Mein Partner Nils hat damals diese Masterarbeit geschrieben, das war das «Proof of Concept» für Tritium. Tritium ist ein Hersteller von Ladesäulen für Elektroautos. Wir haben dann die Amplo GmbH gegründet. Danach kam die Firma Tritium zu uns und hat gesagt, «Das wäre extrem cool, wenn ihr das für uns macht, wir wollen da gleich ein Produkt bei euch kaufen». Und damals hatten wir nicht mal eine Plattform, sondern mussten diese erst zusammen entwickeln, auch mit der Idee, diese dann anderen Firmen anzubieten. Für Tritium ist die Diagnose der Ladesäulen eine grosse Herausforderung. Ladesäulen sind sehr teuer, da kostet eine Station ab 50’000.- CHF aufwärts. Und wenn diese nicht funktioniert, ist das natürlich nicht gut für Fahrer von Elektroautos, die mit fast leerer Batterie an der Ladestation ankommen. Für Tritium dauerte die Diagnose damals zu lange, denn sie brauchten mehrere Tage um herauszufinden, welche Komponente defekt ist. Und dann kam unser Service. Jetzt dauert es 30 Sekunden und sie wissen genau, welche Komponente defekt ist. So können sie gleich einen Mechaniker oder Elektriker hinschicken, der dieses Teil ersetzt.

Also ein Wundergerät in der digitalen Instandhaltung?

Das ist die Zukunft, die Prozesse einfacher zu machen und Zeit einzusparen. Ich sage nicht, dass wir alles beheben können. Aber wir können dank KI momentan etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle perfekt diagnostizieren. Bei zehn Prozent muss der Servicetechniker noch vor Ort hingehen. Tritium kann allein mit diesem automatisierten Diagnoseprozess über 80’000.- Euro im Monat sparen.

Es gibt ja Unmengen von Log Files, die man bis dato persönlich analysieren musste. Und das macht jetzt eure KI-Software?

Genau. In der alten Wartungswelt war das so, dass ein Mensch sich das anschauen und herausfinden musste, was die Ursache des Fehlers ist. Mit der Zeit erkennt man die Muster, die zu einem Defekt einer Komponente führen. Das machen wir nun voll automatisch mit unserem Service. Das Programm erkennt also mittels der Daten das Muster und kann einen zukünftigen Defekt voraussagen.

Ihr sprecht ja auch von einfach integrierbaren APIs, also «Application Programming Interfaces». Um was handelt es sich denn da konkret?

APIs sind eigentlich Schnittstellen, mittels derer Maschinen miteinander kommunizieren können. Es geht dahin, dass immer mehr Firmen vernetzt sind. Dann gibt es eine Firma, die die Daten der Maschinen sammelt, die senden diese dann über APIs an uns, und wir senden sie dann wiederum über APIs zum CRM- oder ERP-System des Kunden. Dann wird das Internet zu einem Netz von Firmen, das Lösungen anbietet, in dem alle miteinander kommunizieren, um die optimale Lösung für den jeweiligen Kunden zu bekommen. Es geht weg von dieser Monolith-Lösung, alles von einem Hersteller zu kaufen. Dank dieser APIs und den Öko-Systemen mit unterschiedlichen Lösungen kann man es dann so konfektionieren, wie man es je Anwendung braucht.

Welche Systeme können denn mit diesem intelligenten System vernetzt werden?

Grundvoraussetzung ist, dass diese Systeme IoT-fähig sind, verbunden sind mit dem Internet und Daten hochladen können. Da arbeiten wir auch daran, weitere Partner zu finden. Es gibt da verschiedene Firmen wie Akenza oder der Datacake, die diese Konnektivität anbieten, also Maschinen mit dem Internet zu verbinden und Daten hochzuladen.

Wie sicher sind denn dann diese Systeme untereinander? Wer kann dann da überall zugreifen?

Das macht dann unser System-Partner. Der schaut, dass diese Verbindung vom Gerät oder der Maschine ins Internet sicher ist. Das ist alles sicher verschlüsselte Kommunikation nach modernsten Standards. Es gibt ein verschlüsseltes Element, das ist ein Chip auf dem Gateway vom Gerät zum Internet. Das ist sehr sicher, da gibt es keine Probleme. Das sind technische Lösungen, die es bereits gibt. Ich denke, da muss man sich keine Sorgen machen. Wenn der Bereich nicht hoch kritisch ist – wie in der Energieversorgung – dann ist das absolut kein Problem mehr.

Haben Sie noch ein anderes Beispiel aus der Industrie, wo Sie jetzt das KI-System erfolgreich implementieren konnten?

Nachdem wir einen guten Einstieg mit den Ladesäulen hatten, versuchen wir jetzt noch zwei, drei andere Firmen zu gewinnen. Die sind davon überzeugt und wollen das jetzt testen. Was momentan ansteht, ist die Firma meines Vaters. Da geht es um Arbeitsschutz, unter anderem Belüftungsgeräte für Vollschutzanzüge für Hochsicherheitsbereiche, womit weltweit Kunden beliefert werden. Da gibt es die Herausforderung bei der Wartung, die Geräte hin- und zurückzuschicken. Dafür haben wir uns einen Partner gesucht aus dem Bereich der Konnektivität. Mit ihm setzen wir jetzt diese Predictive Maintenance um. Da es um Arbeitssicherheit geht, ist es unabdingbar, dass diese Geräte tadellos funktionieren. Wir wissen, dass wir einen besseren Schutz durch diese Konnektivität bieten können. Denn der Kunde hat ein höheres Vertrauen in das System, wenn es konstant überwacht wird anstelle einer einmaligen jährlichen Wartung.

Wie hat sich Ihr Start-up in der herausfordernden Corona-Zeit entwickelt?

Das war eine extreme Herausforderung. Die Amplo GmbH haben wir im Juni 2020 gegründet. Am Anfang ging es vor allem um Produktentwicklung. Wir haben als Consultants begonnen, also Firmen wie Tritium angefragt, ob sie von uns eine Lösung brauchen. Und dann haben wir uns überlegt, wie man eine generische Lösung entwickeln könnte, die dann für alle passt. Mit der Zeit sind wir zu dieser Smart Maintenance-Plattform gekommen.

Wo gab es besondere Schwierigkeiten?

Die ersten sechs, sieben Monate in der Corona-Zeit waren schwierig, da die Firmen erstmal herausfinden mussten, wie man online arbeitet und was gebraucht wird. Die Digitalisierung wurde sehr vorangetrieben, denn es musste ja dann remote – also per Fernzugriff – auf Maschinen zugegriffen werden. Und in dieser Zeit waren die Firmen zu sehr beschäftigt, um mit uns zu sprechen. Mittlerweile ist aber wieder mehr Ruhe und eher Normalität eingekehrt.

Gab es externe Unterstützung?

Später haben wir bei einem Accelerator-Programm hier in Zürich teilgenommen. Da ging es darum, Startups zu helfen, Schwachstellen zu finden sowie um Optimierung und Perfektionierung des Produkts. Das war hier in Zürich im Blue Lion Incubator. Das war uns wichtig, um uns dann auch bereit zu machen für Investments und Wachstum.

Was treibt Sie um, dass sie diesen Mut hatten und so tolle Projekte an Land gezogen haben, und die Instandhaltungswelt sozusagen auf den Kopf stellen?

Das ist eine Welt, die noch ziemlich alte Strukturen hat, die schwierig sind zu durchbrechen. Und daran arbeiten wir. Ich denke, da ist es wichtig, dass man dem Kunden gut zuhört, seine Probleme erkennt und ihm aufzeigt, wo man optimieren kann. Es ist ja so; man ist daran gewöhnt etwas 50, 100 Jahre auf die gleiche Art und Weise zu machen. Dann ist es wichtig, wirklich zu verstehen, wieso nicht vielleicht KI hier die optimale Lösung wäre. Unser Idee ist, dem Kunden gut zuzuhören und dann unser Produkt so zu designen, dass es jeder verwenden kann. Wenn das Produkt schwierig in der Nutzung wäre und Mehraufwand bedeuten würde, dann hätten wir keine Chance.

Welche Schwerpunkte hat denn Ihr Unternehmen als junger Aussteller an der maintenance Schweiz 2021?

Wir werden uns auf User Cases fokussieren. Wir werden vor Ort den Tritium-Case zeigen wie auch die Zusammenarbeit mit TB-Safety, damit die Besucher ein Verständnis dafür entwickeln können. Wir werden ebenso kurz und einfach aufzeigen, wie die Umsetzung beispielsweise bei anderen Firmen funktionieren könnte.

Wie werden Sie dieses ganz spezielle Expertenwissen umsetzen an der Messe? Gibt es auch Vorträge oder Live Demos am Laptop?

Ja, wir haben geplant, Live Demos am Stand zu machen. Wir werden zeigen, wie simpel die Plattform ist und wie gut sie funktioniert. Wir bereiten auch einen Vortrag vor, wo wir einen User Case vorstellen und Step-by-step die Umsetzung zeigen. Wir freuen uns da auf Feedback, auch auf Kritik und werden Lösungen präsentieren, die auch die Zweifler überzeugen werden.

Wer sollte denn unbedingt am Stand kommen oder zum Vortrag?

Ich denke da vor allem an Firmen, die weltweit Wartung von Grosssystemen betreiben oder auch Hersteller solcher Systeme.

Viele Instandhalter haben noch so ein bisschen das Flair «in Öl gebadet» zu sein. Was ist Ihre Botschaft an den Nachwuchs?

Ich bin dankbar, dass wir KI benutzen, denn das zieht schon potentielle Mitarbeiter an. Das ist ein neues Gebiet und das ist extrem spannend, man kann vieles umsetzen. Aber es ist auch ein Buzzword. Man kann sich nicht wirklich vorstellen, was das Produkt am Ende des Tages ist. Es ist für uns nicht schwer Mitarbeiter zu finden, zum Beispiel Maschinenbauer oder Elektrotechniker, Data Scientists und Informatiker. Leute, die dann diese Algorithmen aufbauen und integrieren in unsere Services. Es braucht ein gutes Verständnis für Maschinen und Physik. Uns ist wichtig, dass der Servicetechniker, der ein gutes Verständnis für die Wartungsseite hat, alles selber aufbauen kann.

Grundsätzlich ist demnach vernetztes Denken schon mal eine gute Basis sowie eine Riesenportion Neugierde und Unternehmergeist, oder?

Absolut. Man muss neugierig darauf sein, was die Herausforderungen der Wartung in den verschiedenen Firmen sind. Diese sind sehr unterschiedlich. Und trotzdem müssen wir ein Produkt bauen, das für alle passt. Das bedarf viel Neugierde. Und auch professionelles Product Management. Also wirklich verstehen, was die Herausforderung ist und wie man eine Lösung umsetzen kann.

Was bedeutet es jetzt auch für Sie und Ihr Unternehmen, sich in diesem Umfeld präsentieren zu dürfen?

Ich freue mich sehr darauf. Es wird extrem spannend werden sich auszutauschen. Denn wie gesagt, das ist ein Ökosystem. Es gibt Smart Sensors, es gibt verschiedene Produkte, wo wir dann zusammenarbeiten können auf einer Data Connectivity-Plattform und diese mit integrieren zu können. Es wird so eine neue Welt sein, die sich da aufbaut mit all diesen verschiedenen Stakeholdern, mit denen wir zusammenarbeiten und eine optimierte Lösung für jeden Kunden finden. Ich bin sehr gespannt. Das ist meine erste Messe in diesem Bereich und ich freue mich sehr drauf.

Warum sich hat ein Startup für dieses klassische Format entschieden, wo man doch auch virtuelle Messen machen kann?

Das ist ein guter Punkt. Ich denke, dass manche Messen ein wenig veraltet sind, aber die Messen sind auch im Wandel. Ich denke, es ist vor allem wichtig, einen Platz für den Austausch zu schaffen und Vertrauen aufzubauen. Vor allem für ein Startup wie uns ist es bedeutsam, Kontakt zu grossen Firmen zu knüpfen. Es braucht einfach einen Face-to-face-Kontakt, wo man miteinander sprechen kann, sich besser verstehen lernt und dann ein Projekt miteinander umsetzen kann. Und dafür sind Messen sehr wichtig. Man kann schon gewisse Gespräche online führen, aber die Leute wollen einen dann treffen oder wissen, was man genau macht. Es ist schwierig, das Vertrauen ausschliesslich online aufzubauen. Wenn man ein grösseres Unternehmen ist, ist es sicher einfacher, dann hat man einen Track Record. Der andere weiss – die haben schon dies und jenes gemacht, die können das. Aber gerade am Anfang sind Messen extrem wichtig. Ich wünsche mir von den Grosskonzernen, dass sie zu uns kommen und uns anhören. Innovation kommt meistens von aussen. Das ist sicher ein wichtiger Punkt.

Was darf man jetzt auch an der maintenance Schweiz 2021 nicht verpassen und warum sollen gerade junge Menschen am 17. und 18. November nach Zürich kommen?

Für junge Menschen ist es interessant, dass sich neue Gebiete auftun. Wir reden nicht mehr vom Mechaniker oder Elektriker. Das sind jetzt ganz neue Anforderungen, wir sind sozusagen alle «connected». Man muss Verständnis haben für IT und für Software. Das arbeitet alles zusammen. Da tun sich neue Berufsbilder auf. Und ich denke, das ist sicher spannend für junge Menschen!

in Kooperation mit Inoveris

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